frog block | Technik und Design Blog

28. Januar 2016 um 14:17 Uhr

Hochstapler, Flugmaschinen und letzte Augenblicke – Kuriose Erfindungen des 19. Jahrhunderts

Hochstapler, Flugmaschinen und letzte Augenblicke – Kuriose Erfindungen des 19. Jahrhunderts

Den kuriosen Auswüchsen des technischen Fortschritts wird man wohl am ehesten gerecht, wenn man ihnen rückwärts folgt. Nach einem Blick auf skurrile bis hin zu gesundheitsgefährdenden Erfindungen des 20. Jahrhunderts sehen wir uns nun seltsame Konzepte und Errungenschaften des 19. Jahrhunderts an. Es ist keine Überraschung, dass dabei viele der deutschen Erfindungen aus den letzten 20 Jahren des 19. Jahrhunderts stammen, denn am 25. April 1877 wurde in Deutschland das Reichs-Patentgesetz erlassen, das es fortan ermöglichte, Neuschöpfungen schützen zu lassen. Das Gesetz sah allerdings nicht vor, dass diese Schöpfungen auch eine Zukunft haben müssen oder ausdrücklich keine Lachanfälle auslösen dürfen.

 

Meine Top 10 der kuriosen Erfindungen des 19. Jahrhunderts

  1. Das Optogramm …

… oder auch der magische Moment des letzten Blickes. Die Idee, dass in den Augen eines Verstorbenen das letzte Bild zu erkennen ist, das er vor seinem Tod sah, verbreitete sich bereits im 17. Jahrhundert, nachdem ein Jesuiten-Mönch ein Bild auf der Netzhaut eines toten Frosches erkannte. 1876 erlangte diese Form der Wissenschaft einen kleinen Durchbruch, als der deutsche Physiologe Franz Boll das Rhodopsin entdeckte. Wie bei einer Kamera entsteht auf der Netzhaut des Auges ein auf dem Kopf stehendes Abbild des einfallenden Lichts, ein so genanntes Optogramm. Verantwortlich dafür ist das Rhodopsin in den Stäbchen der Netzhaut. Dass Franz Bolls Entdeckung und weitere Forschungen auf diesem Gebiet die Kriminaltechnik nicht revolutioniert haben und Optogramme heute nicht zum Standardrepertoire der Polizeiarbeit gehören, liegt vor allem daran, dass die Bilder viel zu unscharf sind, um echte Beweise zu liefern. Vereinzelt wird die Technik aber in Romanen, Filmen und Serien aufgegriffen. Für die Fiktion leistet das Optogramm letztlich mehr als für die reale Wissenschaft.

 

  1. Der Ornithopter

Schon seit Anbeginn der Zeit strebt der Mensch danach, sich in die Höhe zu erheben und zu fliegen. Im 19. Jahrhundert war die Vorstellung weit

Erfindung im 19. Jahrhundert: Ornithopter

Ornithopter. Public Domain

verbreitet, dass dies nur auf eine Weise möglich sei: auf Vogelart. So konstruierte der Franzose Gustave Trouvé 1870 eine Flugmaschine, den so genannten Ornithopter, die möglichst genau den Flügeln von Vögeln nachempfunden war und es jedem Menschen ermöglichen sollte, ganz allein den Himmel zu erobern. Vogelfrei, sozusagen. Wie wir heute wissen, war dies der völlig falsche Ansatz, doch die Vorstellung, dass wir eines Tages alle unsere eigenen mechanischen Flügel haben würden, um Sightseeing von oben zu betreiben, oder auch nur mal eben den Müll rauszufliegen, hielt sich bis ins frühe 20. Jahrhundert.

 

  1. Der Tannenzapfenschuppen-Hut

1881 machte ein Mann eine aufsehenerregende Entdeckung: Tannen brauchen niemals Regenschirme. Davon ließ sich die Person inspirieren und entwickelte einen Hut aus wasserdichten Tannenzapfenschuppen, die in Spiralen zur Hutspitze hin aufgenäht waren und einer Dachschiefer-Konstruktion ähnelten. Die Idee wurde zum Patent angemeldet, setzte sich aber im Alltag nicht durch. Mögliche Gründe hierfür könnten eine plötzliche, deutschlandweite Tannenzapfenknappheit gewesen sein, die historisch allerdings nicht belegt ist, oder aber der Umstand, dass die Männer des 19. Jahrhunderts zu viel auf sich hielten, um wie Waldschrate durch die Gegend zu laufen – Regen hin oder her.

 

  1. Die Eierzange

Oh nein, die Eierzange war keine schlüpfrige Angelegenheit, ganz im Gegenteil. Sie sollte ein Hühnerei davon abhalten, aus menschlichen Händen zu flutschen. Die Zangen mit kleinen Dornen konnten die Kalkhülle eines Hühnereis mühelos durchbohren und es festhalten. Eine Revolution in der Gastronomie – endlich sauberes Eieressen! Tatsächlich wurde der Ende des 19. Jahrhunderts zum Patent angemeldeten Eierzange eine glorreiche Zukunft als das Utensil für jeden Frühstückstisch prophezeit. Dann passierte etwas, das schon viele ganz Große zu Fall gebracht hat: das Auftauchen eines jüngeren, hübscheren und smarteren Konkurrenten. In diesem Fall des Eierbechers.

 

  1. Die selbsttätige Zähleinrichtung an Biergläsern

Kaum ein Problem bewegt die Menschen derart wie die korrekte und zugleich bequeme Ermittlung der genauen Anzahl der von ihnen an einem Abend getrunkenen Biere. Das dachte sich auch G.G. Kempchen aus dem Rheinland und meldete 1890 eine selbsttätige Zähleinrichtung an Biergläsern zum Patent an. Das Prinzip: an einem Bierglas wird eine selbsttätige Zähleinrichtung angebracht, die aus einem beweglichem, dem Druck der Flüssigkeit nachgebenden Boden gebildet wird, an dem sich eine Vorrichtung zur Fortbewegung eines Sperrrades befindet, das mit einer Nummernscheibe verbunden ist. Der Wirt wird damit entlastet, Bierdeckel können ihrem eigentlich Zweck zugeführt werden und müssen nicht länger als Strichlisten zweckentfremdet werden und die Kasse stimmt. Zumindest solange niemand auf die Idee kommt, seine Uhr einfach manuell zurückzustellen. Aber warum sollten Menschen spät am Abend im schummrigen Licht einer Kneipe und in bierseliger Laune so etwas tun?

 

  1. Das Topophon

Erfindung im 19. Jahrhundert: TopophonHört mal, wer da tutet. Im 19. Jahrhundert, vor der Entdeckung des Radars, verständigten sich Schiffe untereinander über das markerschütternde Nebelhorn. Aus welcher Richtung das Warnsignal kam war allerdings bei fehlendem Sichtkontakt schwer auszumachen. Hierbei sollte 1880 das Topophon Abhilfe schaffen. Dieses bestand aus zwei Hörmuscheln an einer unbequemen Halterung, von denen aus Schläuche zu den Ohren des Trägers führten. Vernahm der Träger nun ein Nebelhorn, drehte er sich mit seinem Topophon so lange in alle Richtungen, bis er das Signal in beiden Ohren gleich laut hören könnte. Damit war die Richtung des Lautes ermittelt. Da diese Methode allerdings viel zu lange dauerte, war sie kein effizientes Mittel, um Zusammenstöße in der Schifffahrt zu vermeiden – und etwas blöd sah das Ganze auch noch aus.

 

 

  1. Der Äthermotor

Das steigende Interesse am technischen Fortschritt brachte nicht nur idealistische, aber unglückliche Erfinder, sondern auch unehrliche, aber erfolgreiche Hochstapler hervor. Einer von ihnen war John Keely. 1870 überzeugte er Investoren davon, dass er einen Motor entwickelt hatte, der nur mit Äther betrieben wurde. Äther galt damals als Medium für die Ausbreitung von Licht, hat in Wahrheit aber nie existiert und konnte somit auch keinem Motor als billige, laut- und geruchlose Superenergie dienen. Rund 5 Millionen Dollar ergaunerte Keely von Investoren, die den Aussagen des charmanten „Erfinders“ glaubten. Erst nach seinem Tod wurden alle seine Schöpfungen als Schwindel entlarvt. Unser heutiges Wissen, dass die Welt nicht nur mit Luft und Liebe funktioniert, mussten einige Menschen offenbar teuer bezahlen.

 

  1. Der Schutzpanzer für Tiere

Die großen, schnellen und starken Tiere fressen die kleinen, langsamen und schwachen Tiere. So will es das Gesetz der Natur. Das nichtgrößte, nichtschnellste und nichtstärkste, aber klügste und organisierteste Tier von allen, der Mensch, hält sich allerdings nicht immer an die Naturgesetze. 1880 entwickelte ein Erfinder einen speziellen Schutzpanzer für Tiere, um insbesondere Schafe vor Angriffen durch Wölfe zu schützen. Die Elemente des Panzers waren mit Zähnen und Zacken bestückt und wurden an Hals und Hinterbeinen des potentiellen Opfers befestigt, also den Stellen, an denen Raubtiere hauptsächlich zubeißen. Mit dem Aussterben des Wolfes in Zentraleuropa wurde die Schutzmaßnahme überflüssig. Da wir aktuell eine Rückkehr des Wolfes erleben, dessen Hunger auf Schafe ungebrochen ist, könnte auch der Schutzpanzer ein Comeback feiern – zeitgemäß mit LED, eigenem WLAN und WebCam für spektakuläres Youtube-Material.

 

  1. Der Weltraumlift

Einmal einsteigen, Knopf drücken und schon im Weltraum sein. Diese Idee hatte der russische Weltraumpionier Konstantin Ziolkowski im Jahr

Erfindung im 19. Jahrhundert: Weltraumlift

Weltraumlift. Künstlerische Darstellung

1895. Inspiriert wurde er dabei durch den Eiffelturm. Er stellte sich einen Turm vor, der bis in den Weltraum reicht und Menschen mit einem Aufzug direkt in den Orbit bringt. Die Besiedelung des Weltraums wäre damit ein Kinderspiel, es könnte sogar jeder sein Gepäck selber tragen. Bis heute lebt die Idee eines Weltraumlifts fort, sowohl in der Fiktion wie auch als Teil realer Zukunftsplanung. Bis 2050, kurz nach Fertigstellung des Flughafens Berlin, soll der erste Weltraumlift stehen. Wir sind gespannt.

 

  1. Das Sofa gegen Seekrankheit

Die Seekrankheit, der größte Spielverderber auf Kreuzfahrten, hat schon so manche teuer bezahlte Reise zu einem Alptraum werden lassen, zumindest an den ersten Tagen. Nach der Vorstellung des Erfinders Lorenzo D. Newells sollte jedes Kreuzfahrtschiff sich gegen dieses Problem mit einem speziellen Möbelstück wappnen. 1870 patentierte Newell ein Sofa mit einer Schale, die alle Bewegungen des Schiffs mit macht, ohne aus der horizontalen Lage zu geraten. Auf diesem Sofa sollten die Passagiere selbst bei Windstärke 10 bequem schlafen oder lesen können. Zur Umsetzung kam es nie, da die Gefahr zu groß war, dass den Passagieren übel wird, wenn sie vom Sofa aus die Wände um sich herum auf- und niedergehen sehen. Ein Sofa gegen Übelkeit, auf dem einem übel wird, hätte Reedereien vermutlich nicht überzeugt.

Geschrieben von

0 likes Allgemeines # , , , , ,
Share: / / /

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *