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20. Januar 2016 um 15:01 Uhr

Als die Suppenlöffel Propeller bekamen – Kuriose Erfindungen des 20. Jahrhunderts

Als die Suppenlöffel Propeller bekamen – Kuriose Erfindungen des 20. Jahrhunderts

Nach einem langen Arbeitstag am elektrischen Fließband (* 1913) nimmt Herr Meier daheim erst einmal den Staubsauger (* 1901) zur Hand und sorgt für Sauberkeit, bevor er die Mikrowelle (* 1945) anschmeißt, um sich das Abendessen zu zubereiten, das er anschließend vor dem Farbfernseher (* 1938) genießt, während ihm nebenbei das Handy (* 1972) dazu dient, im Internet (* 1969) zu surfen und sich dort einen neuen Computer (* 1946) zu bestellen, den er per Kreditkarte (* 1950) bezahlt. Ein realistisches Bild. Eher unwahrscheinlich ist hingegen, dass Herr Meier am nächsten Morgen vor dem Frühstück erst noch ein paar Runden auf dem Amphibienfahrrad (* 1910) dreht, bevor er sich mit der Glatzenbürste (* 1950) aufhübscht, noch schnell die Miau-Maschine anschmeißt (* 1960er) und auf leuchtenden Autoreifen (* 1960) zur Arbeit düst, wo er in der Mittagspause die von Frau Müller mitgebrachte Zwiebelsuppe mit dem Propeller-Löffel  (* 1948) herunterschlingt.

 

Das 20. Jahrhundert erlebte einen Boom an Erfindungen, die, zum Teil aufbauend auf Ideen des 19. Jahrhunderts, revolutionär waren und im Jahr 2016 aus dem Alltagsleben nicht mehr wegzudenken sind. Dies schließt nicht nur die offensichtlichen Kandidaten wie die bereits genannten Fernseher und Computer ein, sondern z.B. auch den Reißverschluss (* 1914), den Kugelschreiber (* 1938) oder die Sprühdose (* 1941). Neben diesen bahnbrechenden Erfindungen brachte das 20. Jahrhundert allerdings auch Schöpfungen hervor, die entweder sofort durchfielen oder nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung verschwanden, weil sie hochoptimistisch wichtige Voraussetzungen wie Funktionalität, Bequemlichkeit und Kosten-Nutzen-Verhältnis außer Acht ließen – oder einfach wirklich unfassbar dämlich aussahen.

 

Das Rad neu erfinden

Ein Sprichwort rät uns davon ab, das Rad neu erfinden zu wollen, doch im 20. Jahrhundert waren einige Tüftler regelrecht versessen darauf, genau dies zu tun. Einer von ihnen war der Brite J. A. Purves, der im Jahr 1930 das Dynasphere patentierte und es zwei Jahre später mit einer Testfahrt vorführte. Das Dynasphere war ein elektrisch angetriebenes Einrad, das es auf eine Geschwindigkeit von etwas über 48 km/h brachte. Die Idee dazu

Dynasphere. Licensed under Fair use via Wikipedia

Dynasphere.Via Wikipedia

kam Purves durch eine Zeichnung von Leonardo da Vinci. Was der Brite für das Fahrzeug der Zukunft hielt, offenbarte allerdings signifikante Schwächen: es ließ sich weder vernünftig lenken noch abbremsen. Schon in den frühen 1930er Jahren, in die unter anderem auch die Erfindung des automatischen Toasters und des Elektronenmikroskops fielen, hielten die Menschen ungebremstes Geradeausfahren in einem riesigen Hamsterlaufrad für wenig zielführend.

Auf zwei Rädern zu fahren war im 20. Jahrhundert hingegen bereits Routine, aber einige Erfinder sahen noch viel ungenutztes Potential im so genannten „Drahtesel“. So zeigten sich der Tüftler Charles Steinlauf und seine Familie 1939 auf dem Multifunktionsfahrrad, das ein Tandem, Mutters Nähzimmer und kinderunsichere Aussichtsplattform in einem war. Die Männer durften strampeln, während die weiblichen Familienmitglieder das taten, was sie dem damaligen Bild nach wohl am besten konnten: Hausarbeit oder gar nichts. Kaum zu fassen, dass sich das nicht durchgesetzt hat, was Mr. Steinlauf aber wohl auch nicht erwartet hat.

Nähmaschinenfahrrad

Was mangelnde Verkehrssicherheit angeht wurde das Multifunktionsfahrrad noch vom Propeller-Fahrrad übertroffen, das um 1936 in Paris entwickelt wurde. Mit seinem riesigen, vorne montierten Propeller dürfte das Gefährt vor allem eine Gefahr für seine Umgebung gewesen sein, falls der Fahrer überhaupt je von der Stelle kam, ohne wegen des schweren Gewichts vornüber zu stürzen. Trotz dieses potentiell gemeingefährlichen Prototyps ist die Idee eines Propeller-Fahrrads längst nicht ausgestorben, allerdings tragen heutige Modelle den Propeller hinten und haben ein Schutzgitter um die Luftschraube.

Auch für Fahrzeuge auf vier Rädern ließ man sich etwas einfallen. Anfang der 1960er Jahre entwickelte das Unternehmen Goodyear leuchtende Autoreifen, die aus synthetischem Gummi bestanden und von innen mit Glühbirnen beleuchtet wurden, deren Fassungen in der Felge montiert waren. In Produktion gingen die Leuchtreifen nie, vermutlich dürfte es auch hier erhebliche Bedenken bezüglich der Sicherheit gegeben haben. Überlegungen wegen nachhaltigen Energiemanagements waren vermutlich kein Faktor. In den 1960er Jahren zelebrierte man noch den Atomeinstieg und sah die Energie quasi auf der Straße liegen.

 

Meine Top 10 der kuriosen Erfindungen des 20. Jahrhunderts

  1. Die Miau-Maschine

Katzen jagen Mäuse. Aus dieser seit Jahrhunderten bekannten Tatsache zogen japanische Erfinder ihren eigenen Schluss und entwickelten in den

Die Miau-Maschine

Photo by Keystone/Getty Images

1960er Jahren zwecks Mäusebekämpfung die Miau-Maschine. Angetrieben von einem Zwei-Watt-Motor miaute dieser Katzensimulator zehnmal pro Minute, um Mäuse zu verjagen. Dabei leuchtete das Gerät bei jedem Ton auf, was entweder die Mäuse noch mehr verschrecken, menschliche Betrachter beeindrucken oder echte Katzen neidisch machen sollte. Wer in den 1960er Jahren ein Weihnachtsgeschenk für einen Katzenhaarallergiker mit Mäuseplage brauchte, hatte dank dieser Erfindung eine Sorge weniger.

 

  1. Die Wasserstrahl-Alarmanlage

Morgens aufzuwachen und festzustellen, dass bis auf das Bett, in dem man liegt, und den Schlafanzug, den man trägt, alles rundherum geklaut wurde, ist ein Alptraum für jeden notorischen Tiefschläfer. Der Amerikaner Arnold Zukor wollte hier Abhilfe schaffen und meldete 1912 eine Wasserstrahl-Alarmanlage zum Patent an: wenn Einbrecher das Fenster hoch schoben, erhielt der Schlafende einen Wasserstrahl direkt ins Gesicht. Mit zahllosen Stangen, Bolzen und anderen Teilen war diese erfrischende Alarmvorrichtung allerdings zu komplex, um sich durchzusetzen.

 

  1. Die Raucherkette

Das Verhältnis zum blauen Dunst war Mitte des 20. Jahrhunderts ein anderes als heute. Die Menschen wussten noch nichts von den gesundheitlichen Folgen des Rauchens und Zigaretten waren billig zu bekommen. Mehr noch: gerade bei Frauen war die Zigarette in den 1950er und 1960er Jahren ein Symbol für Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein. Geraucht werden durfte praktisch überall. Dementsprechend entstanden auch zahlreiche Erfindungen für die große Zielgruppe der Raucher, die aus heutiger Sicht geradezu selbstmörderisch wirken. So hieß es in den 1950er Jahren nicht „Kettenrauchen ist ungesund“, sondern „die Raucherkette ist en vogue“. Bei der Raucherkette handelte es sich um eine Vorrichtung, die es ermöglichte, den Inhalt einer ganzen Zigarettenschachtel (!) gleichzeitig (!!) zu rauchen. Dazu wurden die einzelnen Zigaretten seitlich an eine lange, schmale Zigarettenverlängerung platziert. Alternativ konnte man auch einfach eine Tonne Straßenteer trinken.

 

  1. Der Kopfgalvanisator

Sie fühlen sich matt und lustlos? Ständige Migräne quält Sie? Dann haben wir genau die richtige Lösung für Sie: Dr. Aubs Kopfgalvanisator. Klingt kompliziert, denken Sie? Keineswegs! Der Kopfgalvanisator ist eine hochmoderne, leicht zu bedienende Apparatur und eine DER Erfindungen des Jahres 1912. Sie befestigen einfach eine Elektrode an Ihre rechte Schläfe und eine an Ihre linke Schläfe. Nun können Sie mit dem Galvanisator Ihr Gehirn unter Strom setzen. Nein, das ist nicht gefährlich! Sie werden sich danach wie neugeboren fühlen. Möglicherweise erinnern Sie sich nicht einmal mehr daran, wer sie vorher waren. Viel Spaß und empfehlen Sie uns weiter, wenn Sie noch können!

 

  1. Der Propeller-Löffel

Die Küche war ein besonders beliebtes Feld für viele Tüftler, sich hemmungslos auszutoben. Vermutlich dachten die überwiegend männlichen Möchtegern-Edisons, dass ihre Frauen alleine nichts gebacken bekommen oder so naiv sind, alles zu kaufen, wer weiß. Auf jeden Fall brachte das Jahrhundert der Mikrowelle einige seltsame Küchehilflosigkeiten hervor. Ein schönes Beispiel ist der bereits erwähnte Propeller-Löffel. Mit den Propellern hatten es die Erfinder von damals sowieso. Der Propeller-Löffel wurde 1948 entwickelt und verfügte über einen kleinen, elektrisch betriebenen Propeller am Griff, der sowohl die Suppe kühlen sollte, als auch – und das war sein Hauptzweck – den womöglich nicht so appetitlichen Geruch der Flüssigspeise wegblasen. Was für ein Kompliment an den Koch/die Köchin! Wer im heutigen Digitalzeitalter unauffällig schlechte Suppengerüche von sich fernhalten will, benutzt übrigens die Methode des Lippenspitzens und kräftigen Pustens.

 

  1. Das Amphibienfahrrad
Schwimmendes Fahrrad

Amphibienfahrrad. Via Wikimedia

1910 konzipierte der Deutsche Alfred Baumgartner das erste Amphibienfahrrad, das bei einer Vorführung auf dem Rhein rund 20 Kilometer zurücklegte. Ein netter Erfolg, auch wenn sich objektiven Beobachtern vermutlich nicht so ganz erschlossen haben dürfte, welche Vorteile ein schwimmendes Fahrrad gegenüber einem Boot hat. Bequemlichkeit und Sicherheit wohl kaum. Optische Qualitäten auch nicht wirklich. Das hält Tüftler allerdings nicht davon ab, seit über 100 Jahren an Baumgartners Schöpfung zu feilen. Da hat der Mann wirklich was losgetreten.

 

 

 

  1. Die Glatzenbürste

Männer mit Glatze sind prinzipiell eine schwierige Zielgruppe für die Haarpflege-Industrie. 1950 dachte die Los Angeles Brush Manufacturing Corporation genau das richtige Produkt für diese Klientel entworfen zu haben: die Glatzenbürste. Diese sollte sowohl Männern ohne Haare als auch solchen mit schon reichlich schütterer Haarpracht helfen. Dazu bestand sie aus zwei Elementen, eine, die das dünnes Haar vorsichtig bürstet und eine, die sanft die Glatze massiert. Welchen Effekt allmorgendliches Massieren der Glatze haben sollte und warum Männer mit schütterem Haar nicht einfach eine handelsübliche Bürste benutzen sollten, konnte bei dieser Erfindung nie wirklich eruiert werden.

 

  1. Die Fernsehbrille
Fernsehbrille

Life

Der Autor und Erfinder Hugo Gernsback wird auch als Vater der Science-Fiction bezeichnet und hat viele technische Entwicklung vorhergesehen. 1963 ließ er sich für das Life-Magazin mit der von ihm entworfenen Fernsehbrille fotografieren. Dieser Vorläufer von Google Glass und Co. wirkt nicht, als würde er den eigenen Sehnerven guttun oder denen der Sitznachbarn, die Angst haben müssen, von einer der abstehenden Antennen in die Augen gestochen zu werden. Aber keine Angst: die Fernsehbrille war nie funktionstüchtig. Sie war quasi eine Preview auf die Zukunft. Fortsetzung folgt.

 

  1. Die sprechende Schokolade

Anders als viele der bisher genannten Erfindungen war die sprechende Schokolade zunächst ein Riesenerfolg. Sie wurde 1903 von Ludwig Stollwerck, dem Leiter der Kölner Schokoladenfabrik Gebr. Stollwerck, entwickelt. Stollwercks Schöpfung, die er gemeinsam mit dem amerikanischen Erfinder-Genie Thomas Edison entwickelt hatte, war ein Phonograf, der Schallplatten aus Schokolade abspielte. Die Schokoladenplatten hatten einen Durchmesser von 8 cm und konnten etwa 10 Mal abgespielt werden. Über 100 Lieder wurden auf Schokolade veröffentlicht. Jeder dieser zart-bitteren Tonträger kostete 60 Pfennig. Nach der ersten Euphorie kam allerdings schnell die Ernüchterung: die Phonographen hielten wenig aus und gingen schnell kaputt. Für die gedachte Zielgruppe – Kinder – waren sie damit eher ungeeignet. Auch die Tonqualität konnte nicht überzeugen. Alsbald ließ Stollwerck die Schokolade daher wieder verstummen.

 

  1. Der Flugpanzer
Antonov A-40

Antonov A-40. Public Domain

Ein Rückblick auf Erfindungen und Entwicklungen des 20. Jahrhunderts – ob missglückte oder zukunftsträchtige – wäre nicht vollständig ohne einen Blick auf die Militärtechnik dieser von zwei Weltkriegen erschütterten Epoche. Ein seltsamer Auswuchs der militärischen Forschung war der Flugpanzer, an dem die Sowjetunion gearbeitet haben soll. 1942 absolvierten Piloten angeblich Testflüge mit der „Antonov A-40“, einem 8-Tonnen-Panzer an einem Doppeldecker. Sollte das Ding wirklich geflogen sein, Hut ab. Militärische Vorteile gegenüber einem Jagdflieger lassen sich trotzdem nicht erkennen.

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