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18. September 2015 um 13:33 Uhr

Blaue Häkchen und Dislikes für mehr als 140 Zeichen

Blaue Häkchen und Dislikes für mehr als 140 Zeichen

Die digitale Welt ist im ständigen Wandel. Sekündlich fließen aus aller Welt mehrere tausende neue Inhalte ins Internet ein, als Texte, als Bilder, als Videos, manchmal auch als Audiodateien. Nicht im Sekundentakt, wohl aber in relativ kurzen Intervallen tauchen außerdem frische Dienste und Plattformen auf, die das Teilen von Bildern, das Präsentieren von Videos oder das Bloggen von so ziemlich allem ermöglichen. Angesichts dieser Schnelllebigkeit müsste man Machern und Nutzern der vernetzten Welt eigentlich ein hohes Maß an Flexibilität bescheinigen … eigentlich. Viele der etablierten Dienste und Plattformen bzw. deren Benutzer tun sich aus mehr oder weniger verständlichen Gründen äußerst schwer mit Veränderungen. Der Kampf zwischen Stagnation und Wandel findet auch in dem schnellsten Raum, den die Menschheit je geschaffen hat, statt.

 

Haken dran

Eine Änderung, die unter Nutzern große Kontroversen auslöste, führte vor einigen Monaten der populäre Chat-Dienst WhatsApp ein. Die Einbindung von Häkchen, die blau werden, sobald der Empfänger die betreffende Nachricht gelesen hat, ließ nicht wenige WhatsApp-Fans Sturm laufen. Sie fühlten sich von dieser Neuerung überrumpelt, betrachteten sie als aufgezwungen und sahen gar eine Gefahr für ihre Freund- und Partnerschaften, schließlich wusste der Absender nun, wenn der Empfänger die Nachricht gelesen, aber nicht geantwortet hat.  „Du hast mir geschrieben? Habe ich gar nicht gesehen!“ zog jetzt nicht mehr und selbst ein nicht sofortiges Antworten aufgrund von wirklich triftigen Umständen konnte nun eine schwere Beziehungskrise auslösen – zumindest in der Theorie.

So überzogen die Reaktionen teilweise gewesen sein mochten, zeigten sie doch ein grundlegendes Problem auf. Digitale Dienste wie WhatsApp werden von vielen Menschen sehr häufig genutzt, sie sind zu einem festen Bestandteil des Lebens geworden, auf den man sich verlässt, mit dem man vertraut ist. So wie mit dem eigenen Kleiderschrank zum Beispiel, nur das besagter Schrank eben nicht von einem Tag auf den anderen plötzlich von einer „unsichtbaren Macht im Hintergrund“ verändert werden kann (aufräumwütige Mutter nicht eingeschlossen). Das Analoge neigt nicht dazu, sich von einem Moment auf den anderen in Struktur, Design und Funktionalität zu verändern. Die Wandlungsfähigkeit der digitalen Welt hingegen rüttelt am Gefühl der Vertrautheit.

 

Facebook gefällt das jetzt doch (nicht)

Ein anderer Fall ist Facebook. Hier fordern viele Nutzer schon seit Jahren die Einführung eines „Dislike“-Buttons, ins Deutsche übertragen eine „Gefällt mir nicht“-Option, fanden aber lange kein Gehör. Nun hat Facebook angekündigt, doch aktiv zu werden und seinen Nutzern die Möglichkeit zu geben, auch Missfallen auszudrücken oder Anteilnahme zu verdeutlichen. Zwar weiß inzwischen jeder Internetnutzer, dass „Gefällt mir“ unter einem Artikel, Bild oder Video nicht zwangsläufig Zustimmung zum thematisierten Sachverhalt bedeutet, trotzdem mutet es nach wie vor recht befremdlich an, eine Nachricht über eine verheerende Naturkatastrophe oder andere tragische Ereignisse mit einer positiven, zustimmenden Symbolik zu quittieren. Facebooks diesbezügliche Zögern mag auch darin begründet sein, dass der ausgestreckte, blaue Like-Daumen längst zu einem Markenzeichen der Social-Media-Plattform geworden ist. Andere Symbole, zumal eher negativ ausgerichtet, könnten diese weltweit etablierte Bildsprache stören. Was hat Facebook nun zum Umdenken bewegt? Möglicherweise der Umstand, dass es auf vielen anderen Plattformen schon Gang und Gebe ist, Inhalte negativ zu bewerten und damit einigermaßen effektiv unangemessene Beiträge kenntlich zu machen – auch im Angesicht von schlechter Presse für Facebook eben wegen solcher unangemessenen Beiträge, deren Bekämpfung arg vernachlässigt wurde. Den Nutzern mehr Bewertungsspielraum zu geben, kann durchaus hilfreich sein.

 

Die Quadratur des Erfolges

Seit 2010 erlebt Instagram einen stetigen Boom. Eines der Markenzeichen des Foto-Sharing-Dienstes war die quadratische Form der Bilder, die eine Reminiszenz an die Instamatic-Kameras der 1960er Jahre darstellte. Seit August 2015 erlaubt Instagram nun auch andere Bildformate. Ein Zugeständnis an die Werbeindustrie oder doch die Erfüllung des Wunsches vieler Nutzer? Es steht außer Frage, dass die quadratische Form eine künstlerische Einschränkung bedeutete. Viele Motive ließen sich so nicht vollständig zeigen, was mitunter natürlich sehr ärgerlich war. Bedenkt man die Nutzerzahlen von Instagram, zumindest in den USA, war die Zwangsquadratur aber kein Hindernis für den Erfolg. Nur weckt Erfolg natürlich auch Erwartungen, vor allem die Erwartung, dass der Erfolg sich fortsetzt und die Nutzerzahlen immer weiter steigen. Diesbezüglich ist die neue Formatfreiheit sicherlich ein guter Schritt, um auch solche Hobby- und Profifotografen anzusprechen, für die der bisherige Zwang zum Quadrat eine unakzeptable Beschränkung darstellte. Instagram weicht zwar seine ursprüngliche Identität damit auf (sodass auch der Name nicht mehr so gut passt), macht aber einen Schritt hin zu einer noch professionelleren Fotoplattform, mit besseren künstlerischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten. Was davon den Machern hinter Instagram wohl wichtiger ist, soll jeder für sich selbst interpretieren. Letztlich ändert sich durch die Abschaffung des Quadratdiktats nichts am Konzept von Instagram, es wird nur freier, weniger speziell und vielleicht auch ein bisschen weniger originell ausgelegt.

 

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Ein Kommentar bei “Blaue Häkchen und Dislikes für mehr als 140 Zeichen

  1. Andreas sagt:

    Interessanter Artikel!

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